Die Rauhnächte sind das, was von einem sehr alten Gefühl übrig geblieben ist: dass die Tage um die Wintersonnenwende nicht zum gewöhnlichen Jahr gehören. Die Sonne bleibt drei Tage lang scheinbar stehen, dann kehrt sie um. Der angelsächsische Mönch Beda schrieb um das Jahr 725, dass die Menschen des Nordens den Dezember und den Januar nach dem Tag benannten, an dem die Sonne umkehrt: Giuli, das Wort, aus dem Jul geworden ist. Und er berichtete von einer Nacht, die seine heidnischen Vorfahren Modraniht nannten, die Nacht der Mütter, in der Nacht auf den 25. Dezember, „wegen der Zeremonien, die sie die ganze Nacht hindurch vollzogen“. Was das für Zeremonien waren, sagt er nicht. Aber dass die längste Nacht des Jahres eine Nacht der Ahnen und der Mütter war, ist der älteste Beleg, den wir für die Zeit haben, die wir heute Rauhnächte nennen.
Im Norden hieß das Fest Jul. Die isländischen Sagas erzählen, dass Mittwinter eines der drei großen Jahresopfer war, gehalten für ein gutes Jahr und für Frieden, und dass König Hakon der Gute um das Jahr 950 das alte Jul auf den Termin des christlichen Weihnachtsfestes legte, mit der Auflage, dass jeder Hof sein Julbier braute. Odin selbst trug den Beinamen Jólnir, der Jul-Gott, und in den Sagas sind die Julnächte die Zeit, in der Trolle, Wiedergänger und Berserker um die Höfe ziehen. Aus dieser Vorstellung stammt die unheimlichste Gestalt der zwölf Nächte: das Heer, das in diesen Nächten durch die Luft zieht, in Norwegen die Oskorei oder Åsgårdsrei, in Schweden die Odensjakt, bei uns die Wilde Jagd oder das Wütende Heer. Ein normannischer Priester hat sie 1091 zum ersten Mal beschrieben, und seither reiten sie durch jede Rauhnachtsgeschichte: Angeführt werden sie je nach Gegend von Wodan, von Frau Holle, von der Percht, in Mecklenburg von Frau Gauden mit ihren Töchtern in Hundegestalt, am Rhein vom Ewigen Jäger.
In der Mitte Europas legte die Kirche schon im Jahr 567 auf einer Synode in Tours fest, dass die zwölf Tage von Weihnachten bis Epiphanias eine heilige Festzeit sind. Damit gab es die Zwölften, wie sie in Norddeutschland bis heute heißen, und weil das Jahr lange erst am 6. Januar begann, war diese Zeit ganz wörtlich die Zeit zwischen den Jahren. Frau Holle ist um das Jahr 1010 zum ersten Mal genannt, in den Bußbüchern des Bischofs Burchard von Worms, der den Glauben an nächtliche Ausritte mit ihr verbieten wollte. Die Percht kam später dazu, im Süden. Und das Räuchern ist in dieser Zeit seit fast fünfhundert Jahren belegt, nicht nur in den Alpen: Der Chronist Sebastian Franck schrieb 1534 über die Deutschen, in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig gebe es kein Haus, das nicht jeden Tag Weihrauch in seinen Räumen aufsteigen lasse, gegen alle Teufel, Gespenster und Zauberei. Weihrauch auf Herdkohle, dazu Wacholder, Harze aus dem Wald und getrocknete Kräuter: Das ist das Räucherwerk, das durch die Jahrhunderte in diesen Nächten durch die Häuser getragen wurde.
Der Name selbst ist jünger als das, was er meint. Volkskundler halten das Wort Rauhnacht für eine Prägung des 19. Jahrhunderts, als man die alten Bräuche zu sammeln begann. Rauh kann von „rûch“ kommen, haarig, pelzig, wie man sich die Geister dachte, oder vom Rauch, der in diesen Nächten durch Haus und Stall zog. Andere Namen sind Rauchnächte, Glöckelnächte, Innernächte, die Zwölften, in der Eifel die Lüstertage. Eines noch: Von den Kelten ist kein Mittwinterfest überliefert. Alban Arthan, das keltische Sonnwendfest, und das Jahresrad mit seinen acht Festen sind in den letzten zwei Jahrhunderten entstanden, aus der Sehnsucht nach dem, was man verloren glaubte. Wer heute die Rauhnächte begeht, schöpft aus allem: aus der Mütternacht, aus Jul, aus den Zwölften, aus den Perchten und aus den Büchern von heute. So lebt eine Tradition.